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Ist der Kormoran überhaupt ein autochthoner, heimischer Vogel? Ja. Es gibt überhaupt keinen Zweifel daran, daß der Kormoran seit Jahrtausenden in Europa beheimatet war - und zwar genau die heute bei uns auftretende Art - Phalacrocorax carbo. Aus 4000 v. Chr. gibt es Knochenfunde in Dänemark, von griechischen und römischen Autoren wurde der Vogel bereits genau beschrieben, auch alle Vogelbücher des Mittelalters zählen ihn unter die allgemein bekannten und weit verbreiteten Vögel. Daß Kormorane an der österreichischen Donau früher gebrütet haben, ist inzwischen vielen bekannt. Weniger bekannt ist, daß sie immer auch schon die Neigung hatten, in die Äschen- und Forellenflüsse einzufliegen. Das wissen wir zum Beispiel aus der Fischereiordnung Kaiser Maximilians I. von 1498 für die Traun, worin er den Welser Fischern erlaubt, die Kormorane und andere "Schadvögel" zu fangen. ACHTUNG: Wenn Sie in alten Vogelbüchern suchen, schauen Sie nicht nur unter dem Stichwort "Kormoran". Der alte deutsche Name dafür ist "Scharbe". Ist der Kormoran ein seltener, vom Aussterben bedrohter Vogel? Wenn man sein gesamtes Verbreitungsgebiet betrachtet, dann war die Art nie auch nur im geringsten gefährdet. Allerdings - im westlichen Kontinentaleuropa war er es. Jetzt kann keine Rede mehr davon sein. Um 1970 gab es im westlichen Europa knapp 30.000 Festlands-Kormorane, konzentriert auf eine Handvoll Brutkolonien in Holland, Dänemark und Polen. Seither haben sie sich auf über 1 Million vermehrt. Kormorane sind heute in Europa häufiger als vor 200 Jahren, und auch weiter verbreitet sie kommen in Regionen vor, wo sie seit Jahrhunderten nicht mehr beobachtet wurden. Auch die EU-Vogelschutzrichtlinie hat auf die geänderte Situation reagiert: Seit Sommer 1996 ist der Kormoran "aufgrund der günstigen Bestandsentwicklung" aus dem Anhang 1 gestrichen. Für einen Vogel seiner Größe ist er jetzt sogar ausgesprochen häufig. Dazu ein Vergleich. Der Kormoran ist mit 2,5 kg Gewicht zwar kleiner als ein Steinadler (durchschnittlich 4,5 kg), hat aber den gleichen Nahrungsbedarf. Man muß sich einmal vorstellen, daß fast 1 Million Steinadler über Europa kreisen. Gab es tatsächlich systematische Kormoran-Verfolgungen? Ja. Wo es Berufsfischer oder Fischteiche gab, hat man zweifellos immer versucht, Kormorane fernzuhalten, Brutkolonien zu zerstören und die Entstehung neuer Kolonien zu verhindern. Im Verständnis der damaligen Zeit waren solche Maßnahmen normal, vernünftig und gerechtfertigt. Süßwasserfische waren damals, anders als heute, für die Ernährung der Bevölkerung von großer Bedeutung. Noch 1882 schreibt der Große Brehm über Kormorane: "Ihre Gefräßigkeit übersteigt unsere Begriffe, die einzelne Scharbe (= Kormoran) nimmt viel mehr Nahrung zu sich als ein Mensch. .... In Ländern, wo der Mensch zur Herrschaft gekommen ist, können sie nicht geduldet werden." Große Verfolgungsaktionen wurden von staatlicher Seite anbefohlen und durchgeführt. In Preußen und in Dänemark wurde das Militär abkommandiert, um Salven in Kormorankolonien hineinzuschießen. Um 1900 galten Kormorane in Deutschland und Dänemark als ausgestorben. Die treibende Kraft waren sicher die Berufsfischer. Aber auch von Wiener Fischereivereinen ist belegt, daß sie sich noch um 1925 vehement gegen eine Schonzeit für brütende Kormorane ausgesprochen haben, übrigens mit der Begründung, die Kormorane seien so häufig, daß eine Ausrottung nicht zu befürchten sei. Nein. Genausowenig ist heute der verbesserte Schutz die Hauptursache für die explosive Vermehrung. Aber die Verfolgungen haben den Kormoranen sozusagen "den letzten Stoß gegeben". Artenschutz ist Habitatschutz. Die entscheidenden Bestandsrückgänge der Kormorane hatten die gleiche Wurzel wie bei allen gefährdeten Tierarten, nämlich die Einengung und Verschlechterung des Lebensraums: Regulierung der Flüsse, Gewässerverschmutzung, Rückgang der Fischbestände. Was sage ich, wenn mir ein Tierschützer vorwirft, die Fischer möchten die Kormorane ausrotten? Streiten Sie nicht. Fragen Sie ihn, woher er das weiß. Geben Sie ruhig zu, daß es einzelne Fischer gibt, die am Stammtisch sagen, "die schwarzen Gfraster gehören weg" oder "nur ein toter Kormoran ist ein guter Kormoran". Fundamentalistische Emotionen und schrille Worte gibt's überall auch bei den Naturschützern. Fragen Sie anschließend, ob er auch die Meinungen und Aussagen maßgeblicher Organisationen und der führenden Fischereivertreter kennt also etwa die Position der Landesfischereiverbände, der großen Vereine oder des ÖKF. Die maßgeblichen Vertreter der österreichischen Fischerei haben oft genug gesagt und schriftlich dokumentiert: Kormorane sind ein regulärer Bestandteil der österreichischen Natur. Sie haben früher an der Donau gebrütet. Die Wiederansiedlung einer Brutkolonie an geeigneten Lebensräumen (z. B. Nationalpark Donau-Auen) ist wünschenswert und würde unterstützt. Das Problem ist nicht "Der Kormoran", sondern ihre zu große Zahl. Es wäre daher hoch an der Zeit, mit solchen polemischen Vorwürfen aufzuhören. Wie heißen die Unterarten des Kormorans (Phalacrocorax carbo) und wo kommen sie vor? Die gängigen orntithologischen Publikationen (z. B. Waterbird Population Estimates, 3rd Edition, 2005) unterscheiden sieben Unterarten:
Die Abgrenzung der Unterarten ist allerdings nicht unumstritten. Manche Ornithologen fassen die in Australien und Neuseeland vorkomenden Subpopulationen unter einem Namen zusammen (Phalacrocorax carbo novaehollandiae). Neuerdings gibt es Diskussionen darüber, ob der Phalacrocorax carbo lucidus nicht besser als eine eigene Art betrachtet werden sollte. Und beim Ph. carbo sinensis sind die Experten über die Zuordnung der Verbreitungsgebiete keineswegs einig (beispielsweise zählt BirdLife Kanada die in Südost-Asien vorkommenden Vögel nicht zu den carbo sinensis, sondern zu den carbo carbo). Aus fischereilicher Sicht ist die Unterscheidung nach Unterarten eigentlich völlig unerheblich, man könnte die Diskussion ruhig den "Spezialisten" überlassen. Praktisch relevant ist die Unterscheidung nur dadurch geworden, dass der sinensis von der EU-Vogelrichtlinie lange Zeit als "bedrohte Art" klassifiziert wurde und damit einen höheren Schutzstatus hatte als der Ph. carbo carbo. Nachdem 1996 der sinensis aus dem Anhang I gestrichen wurde, besteht jetzt laut EU-Vogelrichtlinie auch kein rechtlicher Unterschied mehr. (In Frankreich wird allerdings immer noch ein Unterschied gemacht - dort darf der carbo sinensis vergrämt und geschossen werden, während der carbo carbo strikt zu schonen ist. Die französischen Fischer fragen allerdings zu recht, wie ein Jäger das bei einem fliegenden Vogel unterscheiden soll, wo sich die Experten selbst bei auf dem Seziertisch liegenden Vögeln mit der Zuordnung schwer tun.) Welche anderen Kormoron-Arten gibt es? Neben dem Phalacrocorax carbo umfasst die Familie der Kormorane weitere 36 Arten.Zwei Arten davon kommen auch in Teilen Europas vor (allerdings nicht in unserem Gebiet):
n Krähenscharbe
(Phalacrocorax aristotelis): Etwas kleiner und schlanker als der Phalacrocorax
carbo (72 - 80 cm), sonst sehr ähnlich. Deutlichstes Unterscheidungsmerkmal im
Feld ist eine auffällig aufgestellte Federnhaube am Kopf (allerdings nur in der
Brutzeit). Drei Unterarten: n Zwergscharbe (Phalacrocorax pygmeus): Wie schon der Name sagt, wesentlich kleiner (45 - 55 cm). Europäisches Vorkommen beschränkt auf Südost-Europa, sonst noch Türkei, Kaspisches Meer, Südwest-Asien und Zentralasien. Die Anzahl im gesamten Verbreitungsgebiet wird auf rund 60.000 Vögel geschätzt (Quelle: Waterbird Population Estimates, 3rd Edition, 2005; Zahlen allerdings mit Vorsicht zu genießen). Gilt als gefährdet, wird in Anhang I der EU-Vogelrichtlinie geführt. Weltweit verbreitet leben weitere 34 Kormoran-Arten:
*) Die Bestandsschätzungen sind aus Waterbird Population Estimates, 3rd Edition, 2005. Die Zahlen sind mit große Vorsicht zu genießen, mit Ausnahme weniger westeuropäischer Länder bzw. spezieller Inseln (z. B. Galapagos) sind die Zählungen bruchstückhaft. Aber die Unterschiede zwischen sehr häufigen und eher seltenen Arten kommen doch deutlich heraus. Der Vollständigkeit halber soll noch erwähnt werden, dass es im nördlichen Eismeer (Bering-See) noch eine weitere Kormoran-Art gab, die inzwischen ausgestorben ist - den Phalacrocorax perspicillatus. Was ist eigentlich der Unterschied zwischen einer Art und einer Unterart? In der Biologie werden alle Lebewesen nach der Grad ihrer 'Verwandtschaft' in einem hierarchischen System eingeordnet. In jeder Stufe werden jene Lebewesen zusammengefasst, die sich durch gemeinsame Merkmale (meist Körperbau/Anatomie) beschreiben lassen und sich dadurch von anderen Gruppen unterscheiden. Am Beispiel "unseres" Kormorans:
Dieses Einteilungs-System wurde bereits vor über 250 Jahren entwickelt, vom schwedischen Naturforscher Karl Linné ("Systema Naturae" 1735). Der große Fortschritt besteht darin, dass nun jede Tier- und Pflanzenart auf einem fixen Platz eingeordnet ist, wobei (für den Wissenschaftler) schon der wissenschaftliche Name die Stellung der Art im System eindeutig und verwechslungsfrei angibt.
Wodurch ist eine "Art" (Spezies) definiert? Eine Art ist klassischerweise dadurch definiert, dass sich die einzelnen Individuen untereinander paaren und fortpflanzen können, wobei auch die Nachkommen fruchtbar sind. (Auch "verwandte" Arten können sich manchmal paaren, aber die Nachkommen bleiben unfruchtbar - bekanntes Beispiel etwa Pferd x Esel = Maulesel / Maultier). Der wissenschaftliche Name einer Art besteht immer aus zwei Teilen - Gattung plus artspezifischer Name (sozusagen also "Nachname + Vorname"). Beispiele:
Linné selbst hat nur bis zur Art untergliedert. Spätere Forscher haben dann manche Arten noch feiner untergliedert - also innerhalb der Art verschiedene "Unterarten" gefunden. In solchen Fällen wird dann dem zweiteiligen Artnamen noch ein dritter Teil hinzugefügt:
Was ist nun eine "Unterart" (Subspecies)? Das sind Angehörige der gleichen Art, die sich also grundsätzlich fruchtbar miteinander paaren könnten, es aber normalerweise - 'in der Natur' - nicht tun. Warum sie sich nicht miteinander paaren, liegt meistens schlicht daran, dass sie in weit auseinanderliegenden Gebieten leben - wodurch sie (als Folge einer Art Inzucht) eine Reihe spezieller äußerlicher Merkmale und/oder Verhaltensweisen entwickeln. Auch bei der Einteilung nach Arten gibt es unklare Grenzfälle. Aber bei den meisten höherentwickelten Tierarten ist die Zuordnung klar und es herrscht weitgehende Einigkeit unter den Wissenschaftlern. Ob die Vertreter einer Art miteinander fruchtbare Nachkommen zeugen können, ist 'naturgegeben' - da läßt sich wenig diskutieren. Bei den Unterarten gibt es wesentlich mehr Spielraum für Diskussionen. Innerhalb jeder Art gibt es immer einzelne Tiere, die anders aussehen, größer oder kleiner sind, sich in Anpassung an ihren Lebensraum anders verhalten etc. etc. Wie groß muss da ein Unterschied sein, um daraus eine eigene Unterart zu machen? Die feinere Unterteilung von Arten in Unterarten ist nicht 'naturgegeben', sondern beruht auf einer Übereinkunft der Fach-Wissenschaftler. Natürlich ist es nicht so, dass einfach irgendwer daherkommen und eine eine neue Unterart "erfinden" kann - das würde schnell im Chaos enden. Es gibt daher (seit 1895) eine International Commission on Zoological Nomenclature, die über die Vergabe neuer Namen, Namensänderungen oder neuer Subspezies wacht. Ein Forscher muss also sehr gute wissenschaftliche Gründe vorlegen können, damit eine von ihm gefundene oder vermutete Unterart auch tatsächlich "offiziell" bestätigt wird. Die Kehrseite davon ist: Wenn einmal irgendwann eine "Unterart" in die offiziellen Listen aufgenommen ist, dann bleibt sie drin - auch wenn sich inzwischen herausgestellt hat, dass eigentlich die Unterschiede gar nicht so groß und eindeutig sind, wie frühere Forscher angenommen haben. Und das kann vorkommen. Eine schwierige Frage. Man könnte durchaus auch sagen: gar keiner. Die Vögel schauen gleich aus, jagen auf die gleiche Art, sind im Feld auch von Experten nicht unterscheidbar. Grundsätzlich: es sind keine verschiedenen Arten, sondern nur Unterarten. Das heißt, sie können sich untereinander paaren und auch die Nachkommen sind uneingeschränkt fortpflanzungsfähig. Carl von Linné, der 1758 dieser Vogelart ihren jetzt gebräuchlichen Namen gegeben hat, hat keinen Unterschied gemacht. Für ihn gab sozusagen nur einen "Phalacrocorax carbo", der eben in verschiedensten Regionen verbreitet ist. Erst später haben Vogelforscher dann eine Unterscheidung eingeführt zwischen Kormoranen, die an der Meeresküste (Norwegen, England, Frankreich) vorkommen, und solchen, die auf dem Festland und an Binnengewässern leben. Wie die wissenschaftliche Diskussion im Detail abgelaufen ist, ist schwierig nachzuvollziehen. (Mehr dazu siehe Wie kommt unser Kormoran zum Beinamen "chinesischer Kormoran"). Auf jeden Fall waren die Forscher, die diese Unterscheidung getroffen haben, der Meinung, es gäbe klare und eindeutige Unterschiede:
Inzwischen stellte sich mehr und mehr heraus, dass diese angenommenen Unterschiede sehr relativ sind und keine eindeutige Unterscheidung erlauben.
Die Kormorane in Norwegen und auf den britischen Inseln (also der "atlantische Kormoran") gehen inzwischen durchaus auch an Binnengewässer. Und den "carbo sinensis" als "Festlandskormoran" zu bezeichnen, ist schlichtweg irreführend - auch bei dieser Unterart brütet und jagt die Mehrzahl der Vögel an Meeresküsten.
Es ist richtig, dass die Kormorane der norwegischen und britischen Felsenküsten nicht auf Bäumen, sondern auf Inseln oder Klippen am Boden brüten - Bäume sind dort eben eine Seltenheit. Es ist richtig, am holländischen Ijsselmeer und anderen kontinentalen Regionen (wo es ausreichend Bäume gibt) brütet der Sinensis-Kormoran auf Bäumen - aber wo Bäume fehlen, brütet er genauso auch am Boden - etwa auf kleinen dänischen, Inseln, schwedischen Schären, vor der finnischen Küste, auch in der Ukraine.
Immer noch richtig ist, dass die norwegischen und britischen Kormorane im Durchschnitt etwas schwerer und größer sind. Aber eben nur im Durchschnitt - es gibt große Überlappungen. Abgesehen davon ist die reine Körpergröße kein Kriterium für die Unterscheidung von Unterarten. (Auch beim Menschen sind Norweger im Schnitt größer als Sizilianer - und niemand käme auf die Idee, deswegen zwei verschiedene Unterarten "Homo sapiens norwegicus" und "Homo sapiens sicilianus" zu bilden.)
Was die größere Zahl "weißer Kopffedern" anbelangt, so wird dies in der neuesten Literatur nicht mehr als Unterscheidungskriterium herangezogen, weil es offenbar zuviele gleitende Übergänge gibt.
Die früher angenommenen Unterscheidungsmerkmale haben sich also weitgehend als unzureichend erwiesen. Dafür haben einige Kormoran-Spezialisten ein anderes Merkmal gefunden, das eine einigermaßen klare Unterscheidung erlauben soll - den Schnabelwinkel.
Naja. Wenn das für die Spezialisten ein ausreichender Grund ist, um eine eigene Unterart zu definieren, soll es uns recht sein. Inzwischen überlappen sich auch die Verbreitungsgebiete: In England und Westfrankreich gibt es mehrere "gemischte" Brutkolonien, norwegische Kormorane überwintern zunehmend in Dänemark (und dass dann einige auch zum Brüten dableiben und sich "vermischen", ist wahrscheinlich nur eine Frage der Zeit). Eigentlich hat aufgrund dieser Entwicklungen die Unterscheidung keinen Sinn mehr. Tatsächlich sprechen mehr und mehr ornithologen nicht mehr von "Unterarten", sondern nur mehr von "ökologischen Rassen" oder "geographischen Sub-Populationen". Im Rahmen der EU-Vogelschutzrichtlinie von 1979 hatte die Unterscheidung allerdings eine entscheidende Auswirkung: Der an der Küste Norwegens brütende "atlatische Kormoran" war nie gefährdet, daher wurde nur die sogenannte Festlandsrasse "carbo sinensis" auf die Liste der besonders zu schützenden Vögel aufgenommen (siehe EU-Vogelschutzrichtlinie, Anhang 1). Infolge der enormen Vermehrung der Kormorane in Europa wurde Sommer 1996 auch der "carbo sinensis" von der Liste 1 gestrichen, eine Unterscheidung der beiden Unterarten ist daher jetzt auch rechtlich gegenstandslos. Wie kommt der Kormoran zu seinen vielen verschiedenen Namen? Dass eine Tierart in der Alltagssprache verschiedene Namen hat, kommt häufig vor. Kennen wir ja auch bei Fischen. Zum Beispiel beim Leuciscus cephalus, der je nach Region als Aitel, Dickkopf oder Döbel bezeichnet wird. Besonders viele Namen hat auch der Leuciscus idus - Nerfling, Aland, Orfe, Seider, Gängling (siehe auch HBs Fischartikel). n Der althochdeutsche Name des Kormorans war "scarv", das hat sich bis ins 19. Jdh. als "Scharbe" gehalten. (Auf Norwegisch, Schwredisch und Dänisch heißt er übrigens immer noch "Skarv") n Andere alte deutsche Bezeichnungen waren "alkreia" (= Aalkrähe) oder "Meerrapp" (= Meerrabe). n Die Bezeichnung "Kormoran" ist relativ neu. Sie wurde wahrscheinlich aus dem französischen "cormoran" abgeleitet, hat aber die eigentliche Wurzel in der lateinischen Bezeichnung als "Corvus marinus": Corvus = Rabe, marinus = "zum Meer gehörig", wörtlich übersetzt also "Rabe des Meeres". Die wissenschaftliche Name "Phalacrocorax carbo" geht auf Linné (1758) zurück. Das ist eine Mischung aus Altgriechisch und Latein, zusammengesetzt aus: · phalacros (griech. wörtlich "kahlköpfig", im übertragenen Sinn eventuell "weißköpfig") · corax (griech. "Rabe") · carbo (lat. "Kohle", "kohlschwarz") Der Name Phalacro-corax carbo bedeutet also etwa "weißköpfiger Rabenvogel - schwarze Art". Das "carbo" erklärt sich von selbst aus der Farbe der Vögel. Auch "Rabe" ist relativ klar. Warum Linné das "phalacros" dazugesetzt hat, ist schwerer zu verstehen, eventuell wegen der weißen Kopffedern? Allerdings haben nicht alle Angehörigen der Kormoran-Gattung weiße Kopffedern, und von "kahlköpfig" kann jedenfalls bei der Krähenscharbe, die einen ausgespägten Federnschopf hat, keine Rede sein. Aber die Wahl der wissenschaftlichen Namen ist es generell so eine Sache - früher hat die schöne Regenbogenforelle auch den schönen Namen "Salmo iridea" gehabt, jetzt heißt sie "Oncorhynchus mykiss".)
Nun zum Namen der zwei für uns wichtigen Unterarten:
·
Phalacrocorax carbo carbo
·
Phalacrocorax carbo sinensis
Wie kommt unser Kormoran zum Beinamen "chinesischer Kormoran? Tatsächlich ist die Geschichte der Namensgebung im Falle unseres Kormorans einigermaßen kurios gelaufen. Die Bezeichnung "sinensis" beruht eigentlich auf dem Irrtum eines deutschen Naturforschers vor über 200 Jahren. Die Erklärung liegt in den Regeln der wissenschaftlichen Namensgebung. Wenn es bei einer Art verschiedene Unterarten gibt, wird an den Gattungsnamen und den Artnamen noch ein dritter zusätzlicher Name angehängt. Damit nicht genug, denn zur Ehre jenes Naturforschers, der eine Art oder Unterart das erstemals beschrieben hat, wird auch noch in Klammern sein Name und das Jahr der Erstbeschreibung angefügt. (Was nebenbei ein gutes Motiv ist, möglichst viele Unterarten zu finden, um damit seinen Namen zu verewigen.) Bei unserem Kormoran ist das nun so gelaufen: · Linné selbst hat noch keine Unterarten unterschieden - die Art heißt bei ihm einfach Phalacrocorax carbo · 40 Jahre später, um 1798, hat der deutsche Naturforscher Johann Friedrich Blumenbach einen Kupferstich eines in China vorkommenden Kormoran-Vogels in die Hand bekommen und hat diesen anhand dieser Abbildung als "Pelecanus synensis" bestimmt. Herr Blumenbach hat also gar nicht einen konkreten Vogel gesehen, sondern nur eine Abbildung! Und er hat irrtümlich angenommen, es handle sich um eine eigenständige Art. · Um 1824 hat der "Vogelpastor" Christian Ludwig Brehm (Vater des "Tiervaters" Alfred Edmund Brehm) so deutliche Unterschiede zwischen dem von Linné beschriebenen und dem in Deutschland vorkommenden Kormoran gesehen, dass er letzteren als Unterart klassifiziert hat, die dementsprechend als "Phalacrocorax carbo subcormoranus (Brehm) 1824" benannt wurde. · Diese Bezeichnung wurde dann von den Ornithologen über ein Jahrhundert lang (mindestens bis 1927) verwendet. Aber anschließend haben die Benennungs-Systematiker gemerkt, dass es sich beim "subcormoranus (Brehm) 1824" und dem "pelecanus synensis (Blumenbach) 1798" um den gleichen Vogel handelt. Auf Vorschlag von J. L. Peters (Checklist of the Birds of the World, 1931) unterscheiden die Ornithologen im Verbreitungsgebiet Europa bis China seither nur mehr zwei Unterarten des Großen Kormorans. Und da den Benennungs-Regeln nach immer die jeweils früheste Veröffentlichung gilt, wurde nun dem Herrn Brehm die Ehre weggenommen und (obwohl sich der eigentlich ordentlich getäuscht hatte) dem Herrn Blumenbach zugeteilt. Somit lautet der wissenschaftlich korrekte vollständige Name jetzt "Phalacrocorax carbo sinensis (Blumenbach) 1798".
Kompliziert genug. Ironischerweise zeigen jetzt neueste Untersuchungen, dass alle jene Merkmale, die man früher zur Unterscheidung von carbo carbo und carbo sinensis herangezogen hat, einer empirischen Überprüfung nicht standhalten. Weder Größe noch Färbung des Federkleids noch Verhaltensweisen ermöglichen eine eindeutige Unterscheidung. Zunehmend überschneiden sich die Verbreitungsgebiete, und in zahlreichen Kolonien kommt es zu "Mischehen".
Wieviel Fisch pro Tag frißt ein Kormoran wirklich? Über diese Frage wurde in der Vergangenheit viel diskutiert bzw. "herumgeraten". Vertreter des Vogelschutzes tendierten generell zu eher niedrigen, Fischer zu eher höheren Angaben. Selbst in wissenschaftlichen ornithologischen Publikationen findet sich enorm unterschiedliche Angaben - eine diesbezügliche Auflistung im REDCAFE-Bericht zeigt eine Bandbreite zwischen 150 Gramm und 707 Gramm pro Tag. Das ist natürlich Schnaps und für praktische Diskussionen und Schadensabschätzungen wenig hilfreich. Es ist zwar objektiv schwierig bis unmöglich, den Nahrungsbedarf aufs Gramm genau anzugeben - aber soo große Unterschiede deuten auf methodische Fehlüberlegungen. Inzwischen hat sich ein "pragmatischer Richtwert" von 500 Gramm Fisch pro Tag durchgesetzt. Das ist ein brauchbarer Richtwert, solange man keine genaueren Daten hat, und wird inzwischen weitgehend auch von seiten des Vogelschutzes akzeptiert. (Wenn niedrigere Zahlen genannt werden, beziehen sie sich wahrscheinlich auf veraltete Studien - nach neuesten wissenschaftlichen Publikationen sind 500 Gramm keineswegs zu hoch.) Trotzdem muss eingeschränkt werden: Diese 500 Gramm pro Tag sind ein Richtwert für einen durchschnittlichen Kormoran an einem durchschnittlichen Tag bei einem Beutefisch mit durchschnittlichen Fettgehalt. Wenn man ganz genau sein will, wird's kompliziert. Wieviel ein Kormoran wirklich frisst, ist im Endeffekt genauso schwierig zu beantworten wie die Frage: "Wieviel (fr)isst ein Mensch?" Klarerweise gibt's Unterschiede · zwischen einem 195 cm großen, massiven Mann und einer 155 cm kleinen, zarten Dame. · zwischen Schwerarbeiter/Extremsportler und einem "Schreibtisch-Hocker" · zwischen den Nahrungsgehalt von 200 Gramm Rindsfilet und 200 Gramm Selchspeck Und nicht zuletzt kommt es vor, dass jemand mehr isst, als er unbedingt braucht (und daher zunimmt). Umgelegt auf den Kormoran: ein Kormoran mit 1,8 kg braucht grundsätzlich weniger als einer mit 3,2 oder 3,5 kg wenn ein Kormoran in unmittelbarer Nähe seines Schlafplatzes bei jedem Tauchgang einen ordentlichen Fishc fängt, braucht er natürlich weniger als ein Vogel, der zur Nahrungssuche 40 km in ein Forellenrevier einfliegen muss und 20 mal tauchen muss, bevor er einen Fisch hat wenn ein Kormoran einen Aal erwischt (Fettgehalt bis 30 % des Körpergewichts) braucht er weit weniger Gramm als mit mageren Barschen (Fettgehalt unter 2 % oder Winter-Äschen (Fettgehalt nur 3,6%) und außerdem legen Kormorane wenig Wert auf eine "schlanke Linie", im Gegenteil - sie wollen speziell im Winter möglichst viel Fettreserven für die Brutsaison aufbauen, und fressen daher nach Möglichkeit mehr als sie unbedingt brauchen
Diese Aspekte sind von großer praktischer Bedeutung für die konkrete Situation in Österreich. Sie zeigen nämlich ganz klar, dass die Kormorane nicht "aus Jux" oft 30 bis 40 km von ihren Schlafplätzen in die Äschen- und Forellenreviere einfliegen. · Was man aufgrund von empirischen Studien ziemlich genau abschätzen kann, ist der "Grundumsatz: Wieviele Kalorien braucht ein Vogel rein dafür, um seine Körperfunktionen aufrechtzuerhalten. Abgetestet wurde das in Experimenten in Gefangenschaft, indem man gemessen hat, wieviel Nahrung (Kalorien) ein Kormoran täglich allein für Schlafen und Rasten braucht, um über längere Zeit gleiches Gewicht zu halten. · Gut untersucht ist außerdem, dass der Kormoran beim Fliegen das 8 bis 13-fache des Grundumsatzes, beim Tauchen das 7-fache des Grundumsatze verbraucht. · Und es gibt klare Daten, dass der Fett- und Kaloriengehalt der Wildfische in Salmonidenrevieren (Bachforellen und Äschen) geringer ist als bei Cypriniden wie Rotaugen und Brachsen. Und zwar im Winter, wo die Fische kaum Nahrung zu sich nehmen und die Bachforellen nach der Laichzeit besonders mager sind, noch geringer als sonst.
Bei Einflügen an ein weiter entferntes Äschen- und Forellenrevier braucht der Kormoran daher wesentlich mehr "Gramm Fisch" als in der Nähe seines Schlafplatzes. Der Grund, warum die Kormorane so weit fliegen, liegt auf der Hand: Die Fischbestände in Schlafplatz-Nähe bieten keine ausreichenden Jagdchancen mehr. Und als Konsequenz für ein Kormoran-Management lässt sich ableiten: Nach Möglichkeit keine Schlafplätze innerhalb 30 km Umkreis von sensiblen Salmonidenrevieren. Denn dann wird im Normalfall die "Energiebilanz" für die Kormorane so ungünstig, dass ein großräumiges Ausweichen (zum Beispiel Richtung Mittelmeer) die bessere Alternative ist.
Wenn Sie an Details über die Berechnung des Kormoran-Nahrungsbedarfs interessiert sind - bitte Anruf oder e-mail ans ÖKF-Büro. Wie funktioniert die Rangordnung innerhalb einer Kormorankolonie? Kormorane sind ausgesprochene Kolonievögel. Die große Zahl bietet für den einzelnen Vogel eine höhere Sicherheit gegen mögliche Feinde und Nesträuber, außerdem wird vermutet, dass die Kolonie auch als "Informationszentrum" über die gerade aussichtsreichsten Jagdreviere fungiert. Das Zusammenleben auf engem Raum geht allerdings nicht ohne Streit um die besten Plätze ab. Bei Hühnern ist ja bekannt, dass es innerhalb der Gruppe eine ausgeprägte "Hackordnung" gibt, bei der das jeweilige "Oberhuhn" alle in der Hierarchie drunterstehenden picken darf und Vorrang am Futterplatz hat. Bei den Kormoranen wird das sehr deutlich bei der Platz-Hierarchie am Schlafplatz: Die erwachsenen (stärkeren und größeren) Männchen besetzen die besten Plätze, dann folgen die erwachsenen Weibchen, dann die jungen, noch nicht ausgewachsenen und damit schwächeren Männchen. Und die jungen Weibchen müssen mit den schlechtesten und unsichersten Plätzen am Rande und auf den dünnsten Zweigen vorlieb nehmen.
Abb. nach Van Eerden & Munstermann, Ardea 1996
Nachgewiesen ist auch, dass auf dem Winterzug die Weibchen, und besonders die jungen Weibchen wesentlich weiter nach Süden (Miitelmeer bis Nordafrika) fliegen bzw. fliegen müssen. Ds bedeutet einen höheren Energieaufwand und eine höhere Mortalitätsgefahr. Es ist nicht anzunehmen, dass sie das von sich aus in Kauf nehmen - weit wahrscheinlicher ist, dass sie - weil schwächer - von den näher ligenden und "bequemeren" Plätzen vertrieben werden. Dazu passt die Beobachtung, dass sich die älteren Männchen beim Winterzug am wenigsten weit von den Brutplätzen entfernen und auch als erste wieder zurückkeheren ("wer früher kommt, hat eine bessere Chance auf einen optimalen Nistplatz") Auch bei der sogenannten "sozialen Jagd" gilt offensichtlich das Prinzip "der Stärkere zuerst".. An der Donau wurde sogar beobachtet, wie manche Kormorane andere Vögel geradezu als "Tauchsklaven" ausbeuten: Gewisse Kormorane jagen nicht selbst, sondern warten darauf, dass andere Vögel mit einem Fisch auftauchen und jagen ihnen dann die Beute ab. Das erklärt vielleicht auch, warum beim NÖ Kormoran-Monitoring festgestellt wurde, dass an den Salmonidenflüssen weit überproportional Jungvögel geschossen werden. Der Anteil der Jungvögel an den geschossenen Kormoranen ist signifikant höher als an den Fonau-Schlafplätzen. Dies legt den Schluss nahe, dass die älteren und stärkeren Vögel die jungen von den näheren und "bequemeren" Jagdgründen wegdrängen.
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