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Neunaugen

 

Was sind überhaupt Neunaugen?

Das ist eine eigene Tierklasse, die mit den Fischen nahe verwandt ist. Entwicklungsgeschichtlich ist diese Tiergruppe viel älter als die Knochenfische. Neunaugen sehen aalähnlich aus, haben keine Schuppen, einen Flossensaum mit Knorpelstrahlen als Rücken- und Schwanzflosse, keine paarigen Flossen, zur Laichzeit wächst den Weibchen eine saumförmige Afterflosse. Das Skelett ist knorpelig, sie haben ein Saugmaul mit Hornzähnchen auf der Zunge (diese Raspelzähnchen sind ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal der verschiedenen Arten), anstatt der Kiemen haben sie 7 Kiemenlöcher hintereinander. Das führte auch zum Namen, man zählte das unpaarige Nasenloch (wurde von jeder Seite mitgezählt), das Auge und die sieben Kiemenlöcher, bei flüchtigem Betrachten dachte man, das Tier hätte neun Augen.

Neunaugen leben mehrere Jahre als wurmförmige Larven im schlammigen Sand reiner Bäche und Flüsse in selbstgegrabenen Röhren. Im Larvenzustand heißen sie Querder oder Ammozoeten, die Augen sind noch unter der Haut verborgen, der Kopf ist gerötet wie entzündet. Die Larvenfarbe ist je nach Art gelblich bis bräunlich oder grünbraun, der Bauch ist heller bis gelblich. In der Nacht verlassen sie auch ihre Röhren und schwimmen zu anderen Standorten. Als Larven fressen sie kleinste Algen und Detritus (das ist in feinste Teilchen zerfallenes organisches Material). Die erwachsenen Tiere der meisten Arten sind räuberisch, d.h., sie saugen sich an Fischen an, raspeln mit der Zuge die Haut auf und saugen das Blut aus oder fressen sich in die Körperhöhle des Opfers (Nahrungsaufnahme je nach Art unterschiedlich). Alle Neunaugen laichen nur einmal, danach sterben sie ab.

In Europa gibt es mehrere Neunaugenarten, die meisten Wissenschaftler tendieren zu 11 Hauptarten und dann weiteren Unterarten. Im Einzugsgebiet der Donau sind 3 Arten dokumentiert: 1) das Bachneunauge (Lamperta planeri), 2) das ukrainische Bachneunauge (Eudontomyzon mariae) und 3) das Donauneunauge, ungarische Neunauge oder Karpatenneunaugen (Eudontomyzon danfordi), das höchstwahrscheinlich nur im Gebiet der Flüsse Theiss und Timis vorkommt. Diese Art wird 30 cm lang, Färbung variabel, Kopf und Rücken aschgrau, olivgrün, graublau oder graubraun, die Seiten sind heller mit häufig metallischem oder rosa Schimmer, der Bauch ist weiß bis blassgelb. Donauneunaugen kommen in allen Höhenlagen ihres Gebietes von 150m bis über 1.000m vor, die Querder fressen auch Würmer und andere größere Beute, selbst Forellenbrütlinge. Die erwachsenen Tiere sind Räuber, raspeln sich in die Bauchhöhle der Beutefische und fressen deren innere Organe. Der Laichakt findet im obersten, fischarmen Bereich der Quellbäche statt. Frühere Autoren beschrieben auch ein Donaubachneunauge (Eudontomyzon vladykovi), aber seit den 80er-Jahren wird das allgemein nicht mehr als eigene Art angesehen, sondern Eudontomyzon mariae, dem ukrainischem Bachneunauge, zugeordnet. Übrigens hatten Balon und Holcik bereits 1964 angezweifelt, dass es sich um eine eigene Art handelt.

In Österreich sind 2 Neunaugenarten verbürgt, das Bachneunauge und das ukrainische Bachneunauge. Beide Arten sind heute extrem selten, aber in der Gail in Kärnten kommen erfreulicherweise an manchen Stellen noch bis zu 30 Querder pro Quadratmeter vor. Unsere beiden Bachneunaugenarten fressen als Erwachsene überhaupt nichts (einige wenige Ausnahmen sind bestätigt, bei denen ukrainische Bachneunaugen Fische befallen haben), Nahrung nehmen sie nur als Querder auf, die Umwandlung zum Neunauge dient nur mehr zur Fortpflanzung, danach sterben die Tiere ab. Bachneunaugen kamen früher sogar in der Donau vor, ukrainische Bachneunaugen nur in der Forellenregion. Das Larven- oder Querderdasein dauert 4 – 7 Jahre, die Erwachsenenlebenszeit dauert nur einige Monate, spätestens 33 Tage nach dem Laichen sterben sie ab. Das ukrainische Bachneunauge wird maximal 22 cm lang, Färbung dunkelgrau bis schwarz, Unterseite weiß mit Silber- oder Perlmutterglanz. Das Bachneunauge wird nur 19 cm lang, Färbung ist heller, gelbbraun mit silbrigem Glanz, zur Laichzeit verschwindet der Silberglanz, Färbung dann gelblich, bräunlich oder sogar grau, Unterseite heller bis weißlich. Beide sind höchstens bleistiftstark. Die Querder können etwas größer als die erwachsenen Tiere sein.

Unsere Neunaugen sind nachtaktiv, nur der Laichakt läuft bei Tag ab, manchmal im Schatten, aber meistens im hellen Sonnenlicht. Die Laichzeit findet üblicherweise von April bis Mai bei einer Wassertemperatur von 11 – 16 Grad Celsius statt, kann sich aber auch bis Juli hinziehen. Das Männchen baut eine Laichgrube mit den Abmessungen zirka 15 x 20 cm und 5 bis 10 cm tief, indem es Steinchen für Steinchen mit dem Saugmaul wegträgt. Das Weibchen saugt sich dann an einem Stein fest, das Männchen saugt sich am Weibchen fest und ringelt sich um ihren Körper. In einem „Nest“ laichen 2 bis 10 Tiere gleichzeitig, pro Laichakt legt ein Weibchen nur 10 bis 15 Eier, wiederholt den Laichvorgang immer wieder; das dauert pro Weibchen insgesamt zirka 2 Stunden. Die Eistückzahl variiert je nach Art, ukrainische Bachneunaugen haben 2.200 bis 3.500 Eier, Bachneunaugen haben weniger, 950 bis 2.100. Die Eier verkleben sich sofort vollkommen mit Sand. Durch die dauernden Laichaktivitäten der nachfolgenden Tiere werden die Eier vollständig in der Laichgrube vergraben und haben damit einen ziemlichen Schutz. Nach 11 bis 14 Tagen schlüpfen die Larven, nach dem Aufzehren des Dottersackes kriechen sie in der Nacht aus dem Sand und lassen sich zu ruhigeren Stellen stromab tragen. Dort graben sie sich dann zum Querderleben ein. Früher hat man Querder als Fischköder genommen, einigermaßen bekannt dürfte der „Huchenzopf“ sein. – Zur Erinnerung, Neunaugen stehen heute unter absolutem Naturschutz!

 Manche Autoren vertraten die Meinung, dass auch das räuberische Donauneunauge (siehe „die Fischfauna der steirischen Mur einst und jetzt“ von Oskar Tiefenbacher) und sogar das Flussneunauge in Teilen unseres Bundesgebietes vorkommen oder zumindest vorgekommen sind. Nachweis gibt es dafür keinen (Details siehe „Rote Liste ausgewählter Tiergruppen NÖ, Neunaugen und Fische“). Trotzdem will ich auch das Flussneunauge (Lampetra fluviatilis) anführen. Es wird bis zu 40 cm lange, zirka 3 cm dick, Färbung graugrün bis dunkelblau, der silberweiße Bauch ist scharf abgegrenzt und manchmal graugesprenkelt. Flussneunaugen sind räuberisch, das heißt, sie befallen Fische, saugen aber nicht nur Blut sondern beißen auch kleine Stücke Fleisch heraus. Diese Tiere halten sich während des Fressstadiums im Brackwasser der Flussmündungen auf und waren, bevor sie selten wurden, begehrte Markt-„Fische“. In den Flüssen zum Schwarzen Meer kommen sie nicht vor.

Es dürfte kaum bekannt sein, dass seit dem Bestehen des Rhein-Main-Donaukanals bei uns in der Donau bisher 2 Meerneunaugen (Petromyzon marinus) gefangen wurden (Prof. Lelek, pers. Mitteilung). Daher will ich auch das Meerneunauge etwas beschreiben, obwohl es im Einzugsgebiet des Schwarzen Meeres nicht vorkommt.

Färbung: schwarze Marmorierung auf graugrünem Grund, Bauch weißlich. Dieses Tier entwickelt sich genauso wie alle anderen Arten im Süßwasser. Nach der Umwandlung zum fertigen Neunauge wandert es zum Meer, fällt auf der Wanderschaft bereits Fische an und frisst fallweise entgegen der sonstigen Nahrungsaufnahme sogar kleine Fische. Einige Jahre lebt es dann in größeren Tiefen im Meer. Dort heftet es sich räuberisch an Fischen und sogar Walen an und saugt das Blut. Das Meerneunauge wird üblicherweise 75 cm lang, das bislang größte war 1,2 m lang und wog 2,3 kg. Meerneunaugen sind eine ausgesprochene Delikatesse, in den Mündungsgebieten der südfranzösischen, spanischen und portugiesischen Flüsse werden noch nennenswerte Mengen gefangen. Sie sollten dort im Urlaub einmal „Lamproie“ oder „Lamprete“ probieren.

 

Helmut Belanyecz