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Die Schleie (Tinca tinca)

Vorkommen
Das ursprünglich natürliche Vorkommen der Schleie dürfte von England über Südskandinavien bis zum
Jenissej in Sibirien reichen. Infolge der Zählebigkeit wurde dieser Fisch bereits im Altertum weit verbreitet, z.B. nach Spanien,  nach Italien, in einige Flüsse des ehemaligen Jugoslawiens, aber auch in den Aral- und Balchasch-See. Im Mittelalter ging der Besatz munter weiter, sodass sich die präzisen natürlichen Verbreitungsgrenzen unmöglich mehr feststellen lassen. Heute kommt dieser Fisch fast auf der gesamten Erde vor.

Interessant ist noch, dass es nur eine einzige Art gibt. Alle anderen europäischen Fische haben eine oder auch mehrere „Schwesternarten“ in Fernost.

Biologie
Die Schleie ist ein ausgesprochen schöner Fisch, etwa Forellenform, ganz kleine Schuppen in der dicken Haut, Färbung von goldgrün bis fast schwarz, die goldgrünen Formen haben rote Augen. Otto Schindler führt als einen der Namen Schleiforelle an, Martin Oberle erklärt die Herkunft: zu Beginn des 20.Jahrhunderts trat im Gastgewerbe ein Engpass an Portionsforellen auf, die Wirte griffen daher auf Schleien zurück und kreierten diesen Namen. Das ist ein ausgezeichneter Speisefisch, aber bedauerlicher weise gerät das mehr und mehr in Vergessenheit. Mit Schuld daran trägt die rapide Vernichtung von Altarmen, Ausständen und sonstigen Augewässern. Fischmeister Günther Gratzl berichtete anlässlich der vorjährigen ÖKF-Obmännerkonferenz, dass von 1887 bis 1986 (also in hundert Jahren) in Österreich 82.138 ha an Feuchtgebieten verloren gingen. Heute gibt es nicht einmal mehr 10 % der ursprünglichen Augewässer. Das wären aber die Lebensräume der Schleie. Es ist einzig und allein den Fischern zu verdanken, dass dieser Fisch noch nicht ausgestorben ist. Denn wir Fischer revitalisieren und besetzen jedes erdenkliche Gewässer, Weiher, Teiche und vor allem aufgelassene Lehm- und Schottergruben. Da muss unendlich viel Arbeit und Geld hineingesteckt werden. Das ist echter Dienst an der Natur. Leider wird das von der Allgemeinheit noch immer nicht erkannt.


Schleien sind sehr langsamwüchsig. Otto Schindler führt folgende Größen an: 1.Jahr 8 cm und 8,5 Gramm, 2.Jahr 15 cm und 55 Gramm, 3.Jahr 21,5 cm und 160 Gramm, 4.Jahr 27 cm und 320 Gramm. Das Lebensalter wird auf 15 bis 20 Jahre geschätzt. Hauschmann beschrieb die größte ihm bekannte Schleie im Jahr 1939 mit 70 cm und 8 kg. Alle möglichen Märchen ranken sich um diese Fische: kranke Hechte würden sich an Schleien schmiegen und damit gesunden. Dafür würden die Hechte die Schleien verschonen. Oder: Welse würden sich hauptsächlich von Schleien ernähren. Magenuntersuchungen von Vasiliu und Popesku an 2.253 Welsen aus den rumänischen Donauauen zeigten, dass Schleien überhaupt keine Bedeutung in der Welsernährung haben.

Lebensweise & Fortpflanzung
Schleien halten sich mit Vorliebe im dichten Kraut auf. Dort laichen sie auch ab. In unseren Breiten wird die Reife üblicherweise im 3. Jahr erreicht. Bei Erreichung von 16 – 17 Grad Wassertemperatur rotten sich die laichbereiten Schleien zu Schwärmen zusammen und ziehen im Gewässer umher. Entgegen ihren sonstigen Gewohnheiten beißen sie dann unbekümmert. Die Fischer klagen allgemein, dass sie das ganze Jahr keine so großen Schleien fangen wie in der Schonzeit. Der eigentliche Laichakt findet bei Temperaturen zwischen 19 und 29 Grad statt, Idealtemperatur ist 22 bis 24 Grad. Die Schwärme lösen sich dann zu Gruppen von einem Rogner und 2 oder 3 meist kleineren Milchnern auf. Diese Gruppen suchen dichtes Kraut auf, dort schwimmen sie auffällig im Kreis, das Weibchen gibt die Eier in vielen kleinen Portionen ab. Unabhängig von dieser portionsweisen Eiabgabe laichen die Schleien in mehreren Raten ab, die Abstände dazwischen betragen etwa 2 Wochen. Die Anzahl der Raten hängt von der Wassertemperatur ab, bei Idealtemperatur wurden bis zu 9 Raten gezählt. In Schleienweibchen wurden bis zu über 1,2 Millionen Eier gezählt. Aber, vor dem eigentlichen Laichakt wird immer nur ein Teil der Eier reif, je nach Umweltbedingungen werden nur 12 – 55% der Eier als Laich abgegeben. Der Rest lagert in der Bauchhöhle bis zum nächsten Jahr.


Schleienbrütlinge zählen mit 3 - 4,5 mm zu den kleinsten Fischlarven. Aber zusätzlich ist ihre Größe von der Wassertemperatur abhängig. Fällt die Wassertemperatur unter 19 Grad, dann ist der Schlupferfolg sehr gering, viele Larven sind missgebildet, aber die Intakten können bis zu 1,2 mm klein sein! Nach dem Schlupf hängen die Larven 5 oder 6 Tage mit Klebedrüsen an Wasserpflanzen, danach füllen sie die Schwimmblase mit Luft. Die freischwimmenden Larven ziehen in Schwärmen von 30 – 200 Stück im dichten Kraut des Laichgebietes in 30 – 80 cm Tiefe herum. Die perfekte Nahrung wären Rädertierchen, aber sie fressen genauso die Larven diverser „Wasserfloharten“. Nach etwa 70 Tagen sind die kleinen Schleien fertig entwickelt. Allerdings haben vom Ei bis hierher nur 0,3 bis maximal 2% überlebt. Mit dem Wachstum nehmen die kleinen Schleien auch Insektenlarven. Im zweiten Lebensjahr gehen die Fische auf Grundnahrung über. Die Eier, die Larven und später die Jungfische werden wie bei allen Arten von vielerlei Feinden stark dezimiert. Dazu gehören räuberische Kleinkrebse, vielerlei Wasserinsekten und deren Larven, aber auch Enten, Löffler und Reiher. Unter Raubfischen leiden Schleien kaum, hingegen werden sie von äußeren und inneren Parasiten befallen. Im schlimmsten Fall können daran ganze Bestände zugrunde gehen. Daher kann nur dringend empfohlen werden, Fische nur von zertifizierten Züchtern zu beziehen, am besten kauft man jahre- und jahrzehntelang immer beim selben  Lieferanten. Aber auch Köderfische aus anderen Gewässern sollen nicht zugelassen werden. So geht man auf Nummer sicher keine Parasiten und Krankheiten einzuschleppen.

 

Abschließend muss gesagt werden: die Schleie ist eine gefährdete Art, welche nur durch den steten Besatz in die vielerlei von den Fischern gepflegten Gewässer erhalten wird. Ohne  uns wäre die Schleie bereits verschwunden. Daher werden wir weiterhin ohne schlechtes Gewissen auf diesen wohlschmeckenden und schönen Fisch angeln.  

Foto:Wolfgang Hauer