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Der Dreistachelige Stichling
Über diesen Fisch wurde schon sehr viel geschrieben, und das sicherlich zu Recht. Denn er baut ein Nest wie ein Vogel. Der Stichling ist über die gesamte nördliche Halbkugel verbreitet. Ursprünglich kam er nicht vor: im schottischen Hochland, in Wales, in der Schweiz, in Österreich, in Tschechien, in der Slowakei und in Ungarn. In der unteren Donau gibt es übrigens 2 Stichlingsarten: den hier beschriebenen Dreistacheligen (der wandert bis zum Eisernen Tor stromauf) sowie den ukrainischen Stichling mit 7 bis 9 Stacheln. Ein winziger Fisch bis 5cm Länge, der wandert die Donau bis Belgrad aufwärts. In Österreich ist er also nicht heimisch. Aber bereits vor 50 Jahren gab es im NÖ Landesmuseum in der Wiener Herrengasse Aquarien mit dreistacheligen Stichlingen, die in NÖ gefangen worden waren. Diese Fische waren sehr selten und das Vorkommen war anscheinend auf wenige Augewässer beschränkt. Interessanterweise wurde dieses alten Vorkommen aus NÖ nie beschrieben. Man nahm an, dass die Fische von Aquarianern ausgesetzt worden waren. Vor knapp 2 Jahrzehnten tauchten Stichlinge im Wiener Becken auf und vermehrten sich in den Flüssen Schwechat und Fischa und deren Nebenbächen explosionsartig. Nach 5 bis 6 Jahren ging der Überbestand dann wieder zurück. Aber woher waren sie gekommen? 1956 waren in Ungarn erstmals Stichlinge entdeckt worden - diese Fische wanderten gen Westen. Ich lud Herrn Dr. Ahnelt ein, er führte in der Fischa umfassende Studien durch. Ich will Ihnen daher Bekannteres und weniger Bekanntes über den Stichling berichten. Der Dreistachelige Stichling wird im Meer bis zu 11cm und im Süßwasser bei uns bis zu 8cm lang. Der Fisch hat keine Schuppen, sondern Panzerplatten, die erste Rückenflosse besteht aus 3 scharfen Stacheln, statt der Bauchflossen hat er ebenfalls 2 Stacheln. Der Rücken ist dunkelgrau, die Seiten glänzen silbrigweiß, die Oberseite hat dunkle Flecken. Anstatt Flecken kommen auch Streifen wie beim Barsch vor. In der Literatur waren drei Formen beschrieben: ganz gepanzert, halb gepanzert und kaum gepanzert. Heute unterscheidet man zusätzlich eine vierte Formen, nämlich schwach gepanzert mit einem Kiel entlang der Panzerung. Der Stichling ist eine sehr variable Art. Es gibt über 100 verschiedene Unterarten, 40 davon haben eigene wissenschaftliche Namen erhalten. Heute wissen wir, dass es nur eine Art ist, die in so vielen verschiedenen Formen auftreten kann. Dieser Fisch passt sich seiner Umwelt unglaublich schnell an. Ein Beispiel: treten in einem Gewässer Räuber auf, dann ist die Panzerung fest und die Stacheln sind groß und hart. Fehlen die Räuber, dann ist die Panzerung viel geringer und die Stacheln sind klein und dünn. Das kann sich bei Bedarf relativ schnell ändern. Daher beschäftigt sich die Wissenschaft schon sehr lange mit diesem kleinen Fisch. Übrigens passen sich auch die Räuber an den neu auftauchenden Stichling an. In der Fischa fressen die Forellen heutzutage die Stichlinge ohne jedes Problem. Vor 3 Jahren tauchten die Stichlinge erstmals in der Traun auf. Leider fand man dort dann sehr bald an Stichlingen erstickte Forellen. Es braucht einige Zeit, bis die Räuber mit der stacheligen Beute umzugehen lernen. In England gibt es einen See, in dem nur mehr Hechte und Stichlinge leben. Die Hechte rollen die Stichlinge so lange auf den harten Kiefern hin und her, bis die Stacheln abgebrochen sind, erst dann fressen sie die Beute. Faszinierend ist das Laichverhalten des Stichlings. Durch seine Panzerung und die scharfen Stacheln ist der Stichling so geschützt, dass sich das Männchen ein auffälliges Hochzeitskleid „leisten“ kann. Kehle und Bauch sind orange bis knallrot, die Augen und der Rücken schimmern hellblau türkisfarben. In manchen Gegenden zeigen Weibchen eine Vorliebe für verschiedene Farbmuster. Dort entwickeln die Männchen ein dementsprechend anderes Hochzeitskleid, da unter dem dort vorherrschenden Geschmack der Weibchen die einfärbig Rotgefärbten nicht zum Zuge kommen. Der berühmte Zoologe und Naturforscher Tinberger aus Oxford, der 1973 den Nobelpreis erhalten hat, hat die Stichlinge sehr intensiv untersucht und beobachtet. Man hat davon viel für die allgemeine Verhaltensforschung ableiten können. Die Männchen bauen ein Nest. Dazu vertreiben sie zu allererst die Konkurrenten aus dem Revier. Je mehr Sichtschutz, z. B. durch Wasserpflanzen, umso kleiner kann das Revier sein. Im dichten Kraut ¼ m2 , auf einer offenen Sandfläche ohne Deckung bis zu 4 m2!!! Dann säubert das Männchen den Grund und hebt eine flache Grube mit ca. 10cm Durchmesser aus. In diese Grube schleppt es Pflanzenteile und kittet sie mit einem klebrigen Nierensekret zusammen, das im Wasser schnell erhärtet. Das Männchen stiehlt auch bei den Nachbarn Nistmaterial, dafür stehlen die bei ihm. Je nach Schutzbedürfnis tarnt es das Nest mehr oder weniger mit Sand. Wenn der Bau fertig ist, bohrt das Männchen einen Eingang hinein (Fälschlich wird oft beschrieben, das Männchen würde ein Loch durch das Nest bohren. Das stimmt nicht, in diesem Stadium ist das kein Tunnel, sondern nur ein Eingang, die Rückwand ist verschlossen). Dann macht es ein laichbereites Weibchen mit dem oft beschriebenen Zick-Zack-Tanz auf sich aufmerksam. Ist das Weibchen interessiert, hebt es den Kopf und zeigt den mit Eiern prall gefüllten Bauch her. Das Männchen schwimmt zum Nest, legt sich dort auf die Seite und zeigt mit der Schnauze in den Eingang. Das Weibchen schwimmt in die Höhle, das Männchen stupst sie mit der Schnauze am Schwanzstiel immer wieder an, bis das Weibchen drinnen ablaicht. Dann bohrt sie ein Loch in die gegenüberliegende Nestwand und schwimmt hinaus. Nun schwimmt das Männchen in das Nest und befruchtet das Gelege. Bis zu 7 Weibchen können in einem Nest ablaichen, durchschnittlich sind 400 Eier in einem Nest, aber man hat auch schon wesentlich mehr gezählt. Das Männchen fächelt dem Gelege mit den Brustflossen frisches Wasser zu, wenn notwendig, macht es auch mehrere Löcher in das Nest. Alle Eindringlinge werden sofort vertrieben; das ist auch bitter notwendig, da die anderen Stichlinge Eier und Brütlinge fressen würden. Die Brut schlüpft je nach Wassertemperatur nach 6 bis 12 Tagen, der Vater lässt die Brütling einige Tage nicht aus dem Nest. Dann verteilen sie sich in der Umgebung, der Vater richtet das Nest wieder her und balzt von Neuem. In einer Laichzeit von 2 bis 3 Monaten baut er bis zu 4 Nester, ein Weibchen kann in einer Saison bis zu 15 Mal ablaichen. Die Intervalle zwischen den einzelnen Laichakten hängen vom Nahrungsangebot ab und liegen zwischen 60 Stunden und 15 Tagen. In der Ostsee zieht sich die Laichzeit bis in den Hochsommer, denn man hat im August noch Aale mit Stichlingseiern im Magen gefangen. Die meisten Stichlinge werden kaum älter als ein Jahr, sie sterben nach der ersten Laichzeit. Aber man hat auch schon Stichlinge mit einem Alter von 3,5 Jahren gefunden. Über den Stichlinge gäbe es noch viel zu berichten. Sie sind Schwarmfische. Wird einer angegriffen und verletzt, dann werden Pheromone als Warnstoff ins Wasser abgegeben. Das war lange Zeit nur von den Elritzen beschrieben. In dem riesigen Verbreitungsgebiet gibt es Populationen mit mehr oder weniger als 3 Stacheln. In manchen Regionen gibt es bis zu 11% mit nur 2 Stacheln, anderswo dafür bis zu 17% mit 4 Stacheln. Bei uns in Österreich haben 99% drei Stachel und 1% vier Stachel. Diese Merkmale stimmen mit den mitteldeutschen und polnischen Süßwasserbeständen zusammen. Aber die dortigen Süßwasserbestände sind nur schwach gepanzert, unsere Stichlinge dagegen sind halb gepanzert. Es spricht sicher viel dafür, dass es sich bei unseren jetzigen Stichlingen um freigesetzte Aquarienfische handelt (in Ungarn frei gelassen?). Andererseits hat es bereits vor über 50 Jahren in NÖ kleine Bestände aus freigelassenen Aquarienfischen gegeben. Es ist schon sehr geheimnisvoll, warum die damaligen Bestände klein und versteckt geblieben sind, und warum sich die jetzigen Bestände schwungvoll weiter ausbreiten. Wir müssen zugeben, dass wir über die Wandertriebe der Fische noch immer viel zu wenig wissen. Helmut Belanyecz
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