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Die Koppe (Cottus gobio)

 

Dieser Fisch hat wirklich viele Namen: Dickkopf, Dolm, Greppe, Groppe, Grunnel, Kaulkopf, Mühlkoppe, Turzbull und viele andere mehr. Die Englischen Namen lauten übersetzt sogar „Müllers Daumen“ und „Stierkopf“. Im östlichen NÖ heißt die Koppe „Bratgoschl“ – „brat“ umgangssprachlich für breit, „Goschl“ oder „Goscherl“ ist die Verkleinerungsform von Mund oder Maul. Im Mittelalter waren Koppen begehrte Speisefische, die dem Adel vorbehalten waren. Diese heute wirtschaftlich absolut unbedeutende Art und ihre Verwandten sind so interessant, dass ich in Fortsetzung darüber berichten will.

 

Arten und Verbreitungsgebiet:

Die Familie ist auf der nördlichen Halbkugel sehr verbreitet, viele Arten leben im Meer. Die größte Art in Europa ist der Seeskorpion, eine der häufigsten Fischarten der nördlichen Meere, wird im Polarmeer 60cm lang. An der Ostsee habe ich einen vierhörnigen Seeskorpion (ein naher Verwandter) mit 45cm gesehen. Im nördlichen Europa leben seit der Eiszeit viele kleine Unterarten des vierhörnigen Seeskorpions in Seen.

Außer den Koppenarten des Meeres gibt es in Europa mindestens 9 Süßwasserkoppenarten. Jörg Freyhof et. al. haben nämlich allein die Mühlkoppe in mindestens 4 Arten unterteilt. Eine dieser „neuen“ Arten war bereits von Heckel als Unterart Cottus microstomus und von Gratzianov als Cottus gobio koshewnikowi beschrieben worden. Das hatte sich aber vor Freyhof nicht durchgesetzt. Mehr hochinteressante Details finden Sie in der Broschüre „Koppe - Fisch des Jahres 2006“.

In Asien und vor allem in Nordamerika gibt es aber noch viel mehr Salz- und Süßwasserarten. Als Kuriosum will ich die größte Art anführen, den Cabezon (= „Großkopf“), er wird knapp 1m lang und über 10kg schwer. Die Literatur sagt, er kommt in Alaska vor, das stimmt aber so nicht, dieser Fisch wird die gesamte Westküste bis hinunter nach Kalifornien gefangen und als Speisefisch geschätzt.

Zurück zu unseren europäischen Süßwasserarten: in Österreich gibt es nur ein Art. Unsere Koppe (Cottus gobio) wird auch Westkoppe genannt, die Färbung ist an den Untergrund angepasst, grau bis braun, kann aber auch lehmfarben oder fast schwarz sein. Meistens mit unregelmäßigen Flecken, Tupfen oder Bändern. Bauch schmutzigweiß, Kehle häufig leicht violett. Die Länge beträgt 10 – 12cm, im Extremfall sogar 18cm. Wirklich große Koppen sah ich nur in kleinen Flüssen, in der Donau fand ich seltsamerweise noch kein Exemplar größer als 12cm.

Das Maul ist sehr groß mit Hechelzähnen. Der Fisch hat anatomisch zwar „Stachelflossen“ (außer der Schwanzflosse und der zweiten Rückenflosse), aber die Flossenstrahlen sind weich und biegsam. Am Kiemendeckel sitzt ein nach oben gekrümmter Dorn, den haben aber alle europäischen Arten. Der Körper ist schuppenlos, nur entlang der Seitenlinie sitzen dachhohlziegelartige Schuppen. Der Fisch hat keine Schwimmblase. Die Bauchflossen sind brustständig, sie sind ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal der Arten. Bei unserer Koppe sind sie einfärbig weißlich, die Flossenstrahlen sind zwar unterschiedlich lang, aber der Unterschied ist nicht sehr ausgeprägt und sie reichen nicht bis zur Analöffnung.

So wie die Aalrutte und die Äsche ist auch die Koppe ein „archäolimnischer“, also entwicklungsgeschichtlich sehr alter Süßwasserfisch. Man nimmt an, dass die „Urkoppe“ aus dem Pazifischen Ozean stammt und sich von dort über die beiden Kontinente ausgebreitet hat. Banarescu ordnet diesen Fisch der „Südlichen Eiskap-Gruppe“ zu, er ist überall dort verbreitet, wo die Vereisung hinreichte. Daher kommt die Koppe von Nordspanien bis an die Kaspische See vor. Bei uns ist das südlichste Verbreitungsgebiet von der Poebene bis nach Dalmatien, das nördlichste von England und Wales bis nach Südschweden. Obwohl sie in Mittelitalien nicht vorkommt, leben im Einzugsgebiet des Tiber seltsamerweise wieder Mühlkoppen. Unsere Koppe kommt nicht vor: in Dänemark, Norwegen, Teilen Schwedens und in Finnland sowie in Südfrankreich. Koppen werden gedanklich in der Salmonidenregion angesiedelt. Sie leben aber auch in großen Flüssen, früher – vor den Kraftwerken – waren sie sogar in der Donau sehr häufig. Als Halbwüchsiger fing ich im Strom Koppen mit der Hand, indem ich große Steine weghob. Auf die größten mit 12cm bissen die kapitalen Barben. In den freiströmenden Strecken des Stromes und sogar im Donaukanal kommen heute noch Koppen vor. In Alpen- und Voralpenseen gibt es sie bis über 100 m Tiefe sowie im Gebirge in Saiblingsseen sogar bis in knapp 2.500 m Seehöhe, sie lebten vor der Wasserverschmutzung aber genauso auch im Brackwasser der Ostsee und des Schwarzen Meeres.

Kein Bruträuber!

Koppen fressen Kleinlebewesen des Grundes, gelten aber als arge Laich- und Bruträuber, sozusagen als der personifizierte Forellentod. Untersuchungen der biologischen Station Lunz zeigten jedoch: Forelleneier haben keine Bedeutung im Nahrungsspektrum. Koppen erwischen nur die ohnedies nicht vergrabenen Eier, die abdriften. Auch für Forellenbrütlinge sind Koppen keine Gefahr, wie Magenuntersuchungen zeigten (bei insgesamt 1.305 Koppen nur eine einzige Jungforelle). Im Gegenteil, Koppenbrütlinge sind ein nicht unerheblicher Nahrungsbestandteil für kleine (4 – 5cm) Forellen.

Koppen verkriechen sich bis zu 60cm tief im Schotterzwischenraum. Dort überleben sie auch Eisstöße und Hochwasser. Bei Stauraumspülungen werden diese Zwischenräume „versiegelt“. Das wirkt sich sehr negativ auf den Lebensraum aller Fische aus. Koppen sind vor allem nachtaktiv. Können sie nicht ins Geröll, dann halten sie sich bei Tag unter Steinen oder Wurzeln versteckt. Da sie keine Schwimmblase haben, bleiben sie immer am Grund. Aufgeschreckt huscht die Koppe im Zick-Zack kurze Strecken über den Boden dahin, über Hindernisse am Grund schwimmt sie mit schnellen Schwanzschlägen, immer auf der Suche nach einem neuen Versteck. Diesen eher seltenen „Koppensprung“ ahmen wir beim Forellenfischen mit dem beschwerten Spinnköder nach.

Koppen sind sehr standorttreu, wandern kaum 500m weit. Die Ausbreitung über ein Gewässer erfolgt daher sehr langsam im Zuge der Generationen. Eine Fallhöhe von 5cm können sie kaum mehr überwinden. Die Unmenge von Querverbauungen isolierten die Bestände seit langer Zeit. Dadurch geht die genetische Vielfalt verloren.

Es gibt viele Gefährdungen. Im Strom ist in den letzten Jahren die Kesslergrundel (Neogobius kessleri) als arger Fressfeind aufgetaucht. Ebenso werden die Koppen von der Schwarzmundgrundel (Neogobius melanostomus) aus den Verstecken getrieben und zum Teil gefressen (Peter J.Miller, Uni Bristol, pers..Mitteilung). Ende der 60er-, Anfang der 70er-Jahre waren infolge der damaligen Wasserverschmutzung Äschen und Koppen aus dem unteren Teil der Fischa-Dagnitz verschwunden. Als die Wasserqualität ganz entscheidend verbessert wurde, haben wir vom Fischereiverein Fischamend einen Wiederbesatz aus dem Oberlauf mit diesen geschmähten Fischen durchgeführt. Koppen muss man über das gesamte Revier verteilen. Sie haben sich seitdem wieder schön verbreitet. Lange Jahre wurde die Koppe dort dann vollständig geschont, heute wäre das nicht mehr nötig, weil sich das Spinnfischen mit dem Köderfisch ohnehin aufgehört hat. Obwohl es von manchen Seiten immer wieder kolportiert wird, tragen die Fischer keine Schuld am Rückgang der Fische. Das gilt für die Koppe wie für alle anderen Arten.

 

Die Koppenarten

 

Die Laichzeit der Koppe findet von Februar bis Mai statt, im Hochgebirge kann sich die Laichzeit allerdings bis Juli hinziehen. Das Männchen sucht oder erobert eine „Laichhöhle“ unter einem großen Stein oder ähnlichem. In der Broschüre Zum Fisch des Jahres 2006 habe ich das ausführlich erklärt. Der oft angeführte Nestbau wird von Adamicka angezweifelt. Die Anzahl der Eier wird unterschiedlich beschrieben, meisten 100 - 200. Mehrere Weibchen kleben ihre großen rötlichgelben Eier (2 - 2,5 mm Durchmesser) an die Decke der „Höhle“, das Männchen bewacht den Laich und die Brütlinge, die Brutdauer zieht sich lange hin, je nach Gewässer 4 – 6 Wochen, die Larven messen 6 – 7 mm und haben einen runden Dottersack. Sie zehren 10 – 12 Tage davon, ehe sie zu fressen beginnen. Doz. Wanzenböck hat in oberösterreichischen Seen Koppenlarven im Plankton unter der Oberfläche gefunden!!! Die Jungfische wachsen sehr schnell, im 2. Jahr sind sie laichreif. Die Art Cottus perifretum laicht im milden England zweimal im Jahr, das dürfte bei unserer Form Cottus gobio in warmen Flüssen ebenfalls vorkommen.

 In nordischen Seen kommen viele kleine Süßwasserformen des vierhörnigen Seeskorpions vor. Wenn man die beiseite lässt, haben wir nach den neuesten Forschungen von Jörg Freyhof et. al. anstatt wie bisher angenommen 6 nun 9 Koppenarten in Europa. Die Art „Mühlkoppe“ besteht tatsächlich aus 4 Arten, die deutlich sichtbare Unterschiede, wie z.B. mehr oder weniger starke Stachelschuppen wie ein Barsch, aufweisen (alle 4 Arten finden Sie detailliert in der Broschüre). HR Dr. Jagsch präsentierte auf unserer Pressekonferenz die kleine Sensation, dass in Österreich zur bekannten Art Cottus gobio zusätzlich die Art Cottus rhenanus vorkommen dürfte, die bis dato nur aus Bachoberläufen des Rheingebietes bekannt wurde.

Nun zu den bereits lang bekannten anderen europäischen Arten:

Die Ostkoppe, Sibirische Koppe oder auch Buntflossenkoppe (Cottus poecilopus). Dieser Fisch ist kleiner, der Kopf wirkt schmäler. Diese Koppe ist üblicherweise 7 – 9 cm lang, max. 12 cm. Wichtigstes Unterscheidungsmerkmal gegenüber unserer Koppe sind die Bauchflossen. Der längste Strahl ist doppelt so lang wie der kürzeste. Die Bauchflosse reicht bis knapp vor oder sogar über den After. Alle Flossen haben deutliche Querstreifen, auch die Bauchflossen – daher der Name „Buntflossenkoppe“. Die Seitenlinie verläuft nicht in der Körpermitte, sondern in der oberen Körperhälfte, endet unter der 2.Rückenflosse. Bei manchen Exemplaren ist die Flossenhaut gelbgrün. Bezüglich Verbreitungsgebiet variieren die Autoren. Allgemein bekannt ist Norwegen, weiters gewisse Gebiete von Ostschweden. In Schweden überschneiden sich die Verbreitungsgebiete von West- und Ostkoppe. Nybelin schloß daraus, dass C.poecilopus in Schweden zuerst auftrat und C.gobio erst später dazukam. Weiters kommt die Buntflossenkoppe in Finnland, in Nordrussland und bis weit nach Sibirien vor. Nach Süden reicht ihr Verbreitungsgebiet bis in die Karpaten. Dieser Fisch wird für das Einzugsbereich von Oder und Weichsel beschrieben, aber, und das wird überraschen, auch in den Karpatenflüssen, die zur Donau fließen. Rein theoretisch könnte dieser Fisch damit sogar im östlichen Teil der Donau auftreten, festgestellt wurde er dort aber keineswegs. Müller und Andreasson beschrieben die Buntflossenkoppe auch als im Norddeutschen Tiefland zu Hause, die Elbe wird als Grenze zwischen Ost- und Westkoppe angenommen. Laut „Threatened Fishes of Europe“ besiedelt die Buntflossenkoppe in den Überschneidungsgebieten mit der Koppe angeblich die Gewässerstrecken stromauf von denen der Mühlkoppe. Weiters hätte die Sibirische Koppe einen noch höheren Sauerstoffbedarf als unsere Koppe, nach dem genannten Buch darf dieser Wert nicht unter 8mg 02 /l fallen. Das erscheint mir ziemlich hoch. Gemäß den Infos zum Wiederansiedlungsprogramm von Mecklenburg wäre dieser Fisch in der BRD aber überhaupt nur in tiefen Seen und nicht im Fließwasser vorgekommen. Vielleicht können unsere deutschen Freunde diese Widersprüche in der Literatur klären.

 Die Petit-Koppe (Cottus petiti) ist ein ganz zartes Tier. Sie misst bloß 4 cm, maximal 6 cm. Der gesamt Fisch ist viel schlanker als unsere Koppe, am größten wirken die Brustflossen. Die Maulspalte ist schräg noch oben gerichtet, die Seitenlinie kann unterbrochen sein. Der Grundton ist grünlichgelb mit 6 bräunlichen Querbinden, der Fisch kann aber je nach Standort auch fast schwarz sein. Die Augen sind rot wie bei einem Rotauge. Dieser Fisch kommt nur in einem ganz kleinen Gebiet in Südfrankreich vor. Die Petit-Koppe frisst nur kleinste Nahrungstiere und dürfte sehr friedfertig sein, denn sie vergesellschaftet sich am Gewässergrund mit Schwarmfischen ihrer ungefähren Größe, wie Gründlingen, Elritzen und Schmerlen.

 Die Gardasee-Koppe (Cottus ferruginosus) wird als Verwandte der Petit-Koppe gesehen. Sie wird zwar größer, angeblich bis 10 cm, ist sonst aber genau so schlank. Der Kopf ist kleiner als bei anderen Arten, der Körper bräunlich mit metallisch glänzenden Flecken, manchmal mit einzelnen echten Schuppen. Alle Flossen außer der Afterflosse sind braun gefleckt oder gebändert. Das Verbreitungsgebiet reicht vom Gardasee durch die Poebene bis nach Dalmatien. Trotz des recht ansehnlichen Verbreitungsgebietes scheint dieser Fisch in der Literatur kaum auf.

 In Südrussland kommen im Einzugsgebiet des Aralsee-Beckens als Ursprung unserer europäischen Fische 2 weitere Süßwasserkoppen vor (Cottus nasalis und Cottus spinulosus). In der deutschsprachigen Literatur werden sie nicht sonderlich erwähnt.

 Das Hauptverbreitungsgebiet der Koppenfamilieliegt  in Ostasien und vor allem in Nordamerika. In Kanada und den Vereinigten Staaten kommen allein im Süßwasser mindestens 16 Arten vor.

 

Helmut Belanyecz